Gut geölt - Landwirt Löser ist auf die Zukunft besser vorbereitet als die meisten Menschen

Gut geölt - Landwirt Löser ist auf die Zukunft besser vorbereitet als die meisten Menschen

Das Erdölzeitalter geht zu Ende und die Folgen sind unabsehbar. Außer für Wolfgang Löser. Der niederösterreichische Bauer ist auf die Zukunft besser vorbereitet als die meisten Menschen.

Rechnet sich das? Wolfgang Löser kann die Frage schon nicht mehr hören. „Hat sich jemals jemand die Frage gestellt, ob sich die Anschaffung von einem Auto rechnet? Oder ein Atomkraftwerk?“, fragt er. Löser sitzt unter einer Gartenlaube im Hof seines Hauses, der erste Sommertag des Jahres 2010 geht gerade zu Ende. Er hat sich noch nicht umgezogen, die blaue Arbeitsschürze und die großen Hände sind noch dreckig von der Feldarbeit. Löser trinkt Bier. „Ich wollt ja eigentlich was essen, da hat mir meine Frau ein Bier hingestellt. Ist auch okay, hab ich gesagt.“

Rechnet sich das? Das ist die Frage derer, die von Peak Oil nichts wissen. Oder nichts davon wissen wollen. „Pik Öl“, sagt Wolfgang Löser dazu. „Schau“, sagt er, „dass das Erdöl nicht zu uns passt, hab ich immer schon irgendwie gewusst. Das hat schon der Otto König, der Schüler vom Konrad Lorenz, immer im Fernsehen gesagt. Und das ist halt hängen geblieben.“ Löser ist keiner, der die Leute bekehren will, kein Prediger. Er hat sein Ziel, den energieautarken Bauernhof, schon erreicht. Den ersten in Österreich, wie er sagt. Peak Oil? Da nickt er nur. Sein Thema sind die kleinen Dinge, die man tun kann, um den eigenen Ölverbrauch zu senken. Der Kfz-Mechaniker und Nebenerwerbsbauer zeigt seine Geräte jedem, der sich dafür interessiert.

Auch wenn die Frage, ob sich das denn rechnet, immer kommt. „Gerade deswegen sollen die Leute sehen, dass es ganz leicht ist. Und ja, für mich ist die Versorgung mit erneuerbaren Energien heute schon kostengünstiger. Und unabhängig bin ich noch dazu.“ Löser lebt mit seiner Familie im niederösterreichischen Streitdorf, zehn Autominuten von Stockerau entfernt und rund eine Stunde von Wien, wenn viel Verkehr ist. Wer von Stockerau kommt, muss gleich nach dem Ortsschild von Streitdorf scharf rechts abbiegen in die Untere Dorfstraße, und am Ende der Straße steht er dann, der Bauernhof, der energieautarke.

Erst gestern war wieder eine Wandergruppe da, um sich den Bauernhof anzusehen. Und Lösers Geräte: die Solaranlage fürs Warmwasser, die Biomasseheizung, die Autos und Traktoren, die Löser mit kaltgepresstem Sonnenblumenkernöl betreibt. Die Presse für die Sonnenblumenkerne, aus der jährlich etwa 10.000 Liter Öl fließen. Und natürlich die zwei Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Die neue, größere Anlage ist gerade einmal einen Monat alt. Löser hat extra aufgeräumt und die Holzreste aus dem Heizraum gekehrt, damit er der Wandergruppe einen ordentlichen Hof zeigen kann. Wie es war? Löser schaut nur und wiegt den Kopf, die wenigen Haare sind kurz geschnitten. Dann sagt er: „Manchmal glaub ich, die wollen es nicht verstehen.“ Aber Löser wird nicht aufhören, Gäste durch seinen Hof zu führen. Er hat schon viel erlebt, viele Vorträge gehalten, viele Fragen beantwortet. Und dann ist da noch Peak Oil. Davon hat er selbst bei einem Vortrag erfahren. Das war 2003. „Da hab ich mir zuerst nur gedacht: na bumm. Kein Stein bleibt auf dem anderen.“ Das Grundproblem ist simpel: Eine wachsende Weltbevölkerung trifft auf schrumpfende Ölvorräte. Ab da wird es kompliziert. Niemand kann genau sagen, wie viel Öl sich noch im Planeten Erde befindet. Viele verschiedene Regierungen, Firmen und Wissenschafter verbreiten viele verschiedene Zahlen. Die Internationale Energie Agentur (IEA) geht offiziell davon aus, dass Peak Oil rund um 2030 erreicht wird.

Ende 2009 haben sich aber zwei Mitarbeiter der IEA anonym an die Britische Tageszeitung The Guardian gewandt und verraten, dass die Zahlen der IEA geschönt sind. Auf Wunsch der USA. Angeblich, um eine Massenpanik zu vermeiden. „Es ist auch völlig egal, ob Peak Oil 2005 war oder 2015 sein wird“, sagt Michael Cerveny, Leiter des Sektors Energie bei der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT). Der Umweltökonom hat eine Abhandlung zu dem Thema und zu möglichen Auswirkungen auf Österreich verfasst. „Ich habe aktiv versucht, Peak Oil zu widerlegen, zu zeigen, dass das mit dem Öl nicht so kritisch ist“, sagt Cerveny. Herausgekommen ist aber ein alarmierender Bericht, der eine sofortige Energiewende fordert, und auf dessen Cover ein Mann zu sehen ist, der sich einen Benzinzapfhahn an die Schläfe hält – wie einen Revolver. „Sicher ist, dass wir auf eine fundamentale Krise zusteuern“, sagt Cerveny.

Wie diese Krise gelöst werden soll, ist derzeit noch unklar. Erneuerbare Energieträger sind zwar durchaus beliebt in Österreich, aber zum Heizen nutzen die Österreicher immer noch hauptsächlich Öl und Gas. Holz liegt an dritter Stelle. Biomasseheizungen, die mit Pellets oder Hackschnitzeln befeuert werden, sorgen gerade einmal für 3,7 Prozent der Heizenergie in Österreich. Und die Heizung ist ein geringeres Problem als der Verkehr. „Obwohl es immer noch rund 800.000 der veralteten Ölheizungen in Österreich gibt, geht der Großteil des Öls in den Transport“, sagt Cerveny. Gas und Kohle seien nur kurzfristige Substitute für Öl. Zur kompletten Umstellung auf erneuerbare Energien sieht er keine Alternative. Löser sagt gerne, dass die Energiewende im Kopf beginnen muss. Cerveny meint, dass weder die Menschen in Österreich noch die Politiker das Problem vollständig begriffen hätten. Das sei auch verständlich: „Wir hatten viele Jahrzehnte lang billige fossile Energie, deshalb sind die Strukturen, die wir jetzt haben, verständlich. Ich glaube, dass fossile Energie in Zukunft teurer sein wird als die erneuerbare. Aber die Strukturumstellung wird nicht einfach. Da gibts noch jede Menge technologische und politische Hürden zu meistern.“

Wolfgang Löser mag schon unabhängig sein von ausländischem Gas und Öl. Aber die allermeisten Österreicher sind es nicht. Dabei erlebt die Photovoltaik gerade einen Boom: Laut aktuellem Marktentwicklungsbericht des Infrastrukturministeriums ist die Leistung der in Österreich installierten Anlagen von 2008 auf 2009 um mehr als 300 Prozent gestiegen. Ganze Gemeinden sind dabei, sich unabhängig zu machen, wie zum Beispiel Güssing im Südburgenland. Der Anteil der erneuerbaren Energie am Gesamtverbrauch beträgt in Österreich laut „Energiestatus 2010“ des Wirtschaftsministeriums schon rund 28 Prozent. Aber die übrige Energie wird fast zur Gänze importiert: Kohle, Gas und Öl.

„Wir machen schon lange mehr Energie, als wir brauchen“, sagt Löser. Im hügeligen Weinviertel, wo Wolfgang Löser wohnt, kommt an dem Thema Energie sowieso niemand vorbei. Zu auffällig sind die Gasförderanlagen zwischen den Feldern. „Früher haben die sogar Öl gepumpt hier. Da sind am Tag vielleicht drei Tanklaster gekommen, um das Zeug abzuholen, so wenig haben sie rausgekriegt aus dem Boden“, sagt er und lacht. Löser ist kein Ökofuzzi, kein Umweltschützer, noch nicht einmal Biobauer. Seit er 1995 die erste (selbst gebaute) Solaranlage auf seinem Dach montiert hat, ist er hineingewachsen in die erneuerbaren Energien und die Community, die sich seit vielen Jahrzehnten rund um Wind- , Solar- und Biomasseenergie gebildet hat. Wolfgang Löser hat viel gelernt in dieser Zeit. Dass man von den Nachbarn argwöhnisch beäugt wird, wenn man etwas anders macht als alle anderen. Dass Investitionen in erneuerbare Energie keineswegs spottbillig sind. „Die Isolierung vom ganzen Haus hat schon einen Batzen Geld gekostet“, sagt er. Löser hat aber auch gelernt, dass Selbstversorger zu sein kein Fulltimejob ist, dass die meisten Geräte einfach Energie produzieren, die für den Besitzer der Geräte gratis ist. Und dass er mit erneuerbarer Energie unabhängig ist von Preisschwankungen und möglichen Engpässen in der Versorgung mit fossiler Energie.

Nicht überall in Österreich laufen die Dinge so rund wie auf Lösers Hof. „Ich habe vor zehn Jahren ein Konzept für die Energieunabhängigkeit einer Gemeinde erstellt“, erzählt Franz Niessler. Der 77-jährige gebürtige Niederösterreicher ist einer der Initiatoren des „Solarstammtisches“ in Wien, den es seit 1988 gibt. Wolfgang Löser sagt, dass er von Niessler viel gelernt hat. Der Wiener Solarstammtisch ist eine Art Zentrale der Erneuerbare-Energie-Enthusiasten, wo auch Politiker vorbeischauen, um Rede und Antwort zu stehen. Aus ihm ist Eurosolar Austria entstanden, eine nach Eigendefinition „von Firmen und Parteien unabhängige“ Plattform. Wolfgang Löser sitzt auch im Vorstand. Und Niessler ist der Mann, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Er will nicht, dass in der Zeitung steht, von welcher Gemeinde er erzählt: „Der Gemeinderat, der mich unterstützt hat, ist dann nämlich Bürgermeister geworden und auch in den Aufsichtsrat des lokalen Energieversorgers eingezogen. Plötzlich wollte er von meinem Konzept nichts mehr wissen.“ Es kann aber auch anders laufen in Österreich. „Schauen Sie sich Güssing an: Dort hatte man Not am Mann, jetzt ist man dank Energieeinsparungen und regionaler Biomasse auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit“, sagt Michael Cerveny. „Auch Privatgärten sind plötzlich wieder in. Da sieht man, dass es durchaus ein instinktives Krisenbewusstsein gibt.“

Wolfgang Löser tut mehr als ein bisschen garteln. Er bestellt heute gemeinsam mit seiner Frau rund 60 Hektar Land. Zehn davon sind für die Produktion von Sonnenblumen vorgesehen. Für die umgerüsteten Motoren von vier Autos, zwei Traktoren und einem Rasenmäher.
„Mein Großvater hatte zwei Pferde, das Futter für die hat er auch anbauen müssen“, sagt Löser. „Jetzt bau ich eben das Futter für meine Traktoren an.“

Auf ihren Feldern baut die Familie Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Weizen und Gerste an. „Aber die Getreideerzeugung ist eigentlich ein Durchlaufposten“, sagt Löser. Was er meint: Vom Bauernhof alleine könnte die Familie nicht leben. Der gelernte Kfz-Mechaniker arbeitet 40 Stunden pro Woche bei der Straßenmeisterei in Stockerau. Daran, den Bauernhofbetrieb einzustellen, denken Löser und seine Frau aber nicht. Das hat auch mit Peak Oil zu tun. Weil ein großer Teil des Öls im Transport verbrannt wird, könnte es zu Engpässen in der Nahrungsversorgung kommen.

„Wenn die Energiepreise steigen, wird der Weltmarkt zusammenbrechen und der Regionalmarkt wieder wichtiger, das ist unsere Hoffnung und unsere Chance“, sagt Löser. „Wir kaufen ja schon jetzt fast alle Lebensmittel von Erzeugern in der Region, und wir werden die sein, die auch in der Krise noch fahren und Nahrung produzieren.“ Inzwischen betreibt Wolfgang Löser zwei Photovoltaikanlagen auf den Dächern seines Hofes. Die neueste Anlage hat er erst Anfang Mai 2010 montiert. Seitdem, das kann man ablesen, hat die Anlage schon rund 500 Kilowattstunden Strom produziert. Nur weil sie da ist und die Sonne draufscheint. „Ich mach also diese einmalige Investition und hab für die nächsten 30 Jahre Strom. Und zwar gratis. Und die Leute fragen mich immer noch, ob sich das rechnet.“

Löser zeigt her, wie er es macht. Er weiß aber auch, dass er es als Bauer mit eigenem Haus und Feldern geradezu leicht hatte. Wie Menschen in der Stadt, in Mietwohungen oder Miethäusern, Menschen ohne Äcker und Sonnenblumenkernpresse ihre persönliche Energieversorgung in Zukunft sichern sollen, kann auch Löser nicht sagen.

Dass er auf dem richtigen Weg ist, sagt Löser, zeige sich auch heute noch nicht, wenn andere ihn beglückwünschen, sondern wenn sie ein bisschen weniger garstig sind. „Wenn jetzt der Dieselpreis steigt“, erzählt er, „kommen die Leute halt und sagen mir: ‚Du brauchst dich eh nicht beschweren, du fahrst ja mit Sonnenblumenöl.‘“ Als Löser anfing mit den Sonnenblumen, den Solarzellen und der Photovoltaik, war er der Außenseiter. Inzwischen ist er der Träger von fünf verschiedenen Umwelt- und Energiepreisen. Besonders stolz ist der Bauer auf den Hans-Kudlich-Preis, der ihm 2006 vom Ökosozialen Forum verliehen wurde. „Den bekommen sonst nur Akademiker“, sagt Löser. Die Skepsis bei den Mitmenschen ist geblieben, trotz Lösers Erfolg und trotz Peak Oil. „Auch jetzt haben es die allermeisten noch immer nicht verstanden“, sagt er.

Dabei hat ihn sein Einsatz für Energieunabhängigkeit auch über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. Einmal war sogar eine UNO-Delegation aus Hawaii da. „Da ist extra die Polizei aus St. Pölten gekommen, um zu schauen, ob eh alles sicher ist bei mir“, sagt Löser und lacht. Bis 2009 hat die Familie jedes Jahr ein Hoffest veranstaltet, eine Mischung aus Tag der offenen Tür und Energiemesse. Bis zu vierzig Aussteller aus aller Welt waren da. 2010 wird es kein Hoffest mehr geben. Weil der Aufwand zu groß ist, sagt Löser. „Aber auch, weil die, die es jetzt noch nicht kapiert haben, es wahrscheinlich nie kapieren werden.“

Frage an die Maus: Wie decken die Österreicher ihren Energiebedarf?
Bei den erneuerbaren Energien liegt Österreich im Spitzenfeld. Laut Energiestatus-Bericht 2010 des Wirtschaftsministeriums werden 27,9 Prozent des Energiebedarfs der Alpenrepublik durch erneuerbare Energien gedeckt, knapp elf Prozent davon sind elektrische Energie aus Wasserkraft. Nur Norwegen (fast 50 Prozent), Schweden und Lettland (beide knapp mehr als 30 Prozent) liegen in dieser Statistik vor Österreich. Deutschland ist abgeschlagen, 2009 wurden erstmals ein wenig mehr als zehn Prozent des Energiebedarfs durch Erneuerbare gedeckt. Beim Anteil der Wasserkraft liegt Österreich gleichauf mit Schweden und der Schweiz. Norwegen deckt heute schon mehr als 40 Prozent seines Strombedarfs durch Wasserkraft.

Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist in Österreich enorm: Laut Energiestatus 2010 werden rund 40 Prozent des Energiebedarfs durch Öl, rund 22 Prozent durch Gas und rund elf Prozent durch Kohle gedeckt. Der größte Teil dieser Rohstoffe muss importiert werden. Rund 62 Prozent des Gases für Österreich kommt aus Russland, rund 14 Prozent aus Norwegen. Der wichtigste Handelspartner für Erdöl war 2008 Kasachstan. Fast zwei Millionen Tonnen Öl kaufte Österreich in dem zentralasiatischen Land. Die übrigen Handelspartner Österreichs im Ölgeschäft gereiht nach Importmenge: Irak, Algerien, Libyen, Venezuela, Saudi-Arabien, Nigeria, Russland, Syrien. Das allermeiste „schwarze Gold“ wird als Benzin in Fahrzeugen verbrannt. Laut „BP Statistical Review of World Energy Consumption 2010“ verbrauchen die Österreicher rund 270.000 Barrel Öl pro Tag. Deutschland braucht rund 2,4 Millionen Barrel. Die Vereinigten Staaten gar 18,7 Millionen, fast so viel, wie Europa und Russland zusammen verbrauchen. In Österreich sind Industrie und Verkehr weitaus abhängiger von fossiler Energie, als es die privaten Haushalte sind, die fast die Hälfte der erneuerbaren Energie in Österreich für sich beanspruchen.

Text: Nikolaus Jilch
Fotografie: Ursula Röck


Quelle:

www.datum.at

Letzte Änderung amMontag, 20 September 2010 08:05

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