Das nachhaltige Haus - leistbarer Luxus? Ein Strohhaus-Experte im Interview

Das nachhaltige Haus - leistbarer Luxus? Ein Strohhaus-Experte im Interview

Interview mit Experte Michael Gromer, Geschäftsführer www.unserstrohhaus.at geführt von: Dominik Trenker, Umwelt und Bioressourcenmanagement - Universität für Bodenkultur Wien.

Experteninterview mit offenen Fragen

1. Sind Sie unter der Annahme, dass Geld keine Rolle spielt, in der Lage, ein 100% ökologisches Einfamilienhaus zu errichten?
Zu 100% nein, das ist nach dem heutigen Stand der Technik noch nicht wirklich möglich. Aber es ist auf keinen Fall eine Kostenfrage. Wir errichten heute schon zu 97 % alle Häuser mit ökologischen/nachwachsenden Baumaterialien zu Entstehungskosten, die ca. 5% unter der herkömmlichen Bauweise liegen. Würde man die Energiekennzahlen vergleichen wären wir sogar um 10 - 15 % günstiger. Heute ist ein ökologisches Haus kein Luxus mehr - die Zeiten sind vorbei.

2. Wenn nicht, welche benötigten Baustoffe oder Bauteile hindern Sie daran?
Fast kein Bauherr möchte in 10 Jahren seine Fenster wieder neu streichen, somit werden meistens Holz-Alufenster verwendet. Alu ist aber nicht ökologisch. Alternative?

2.1. Kann auf Beton komplett verzichtet werden?
Nein, leider nicht wirklich. Sie können nur den Anteil reduzieren. Selbst wenn wir Streifenfundamente oder Punktfundamente erstellen, brauchen wir Beton als Baustoff. Es gibt Ansätzte der Betonindustrie - ein Produkt „Slagstar der Ökobeton“ - aber wenn sie das Produkt genau hinterfragen, ist es auch nicht durch und durch ökologisch.

2.2. Können Sie ein genehmigungsfähiges ökologisches Fundament herstellen?
Nein, wir haben schon Versuche mit Schraubfundamenten gemacht, aber die Tragfähigkeit ist leider aus statischen Gründen nicht ausreichend gegeben.

2.3. Auf welche Baustoffe aus Kunststoff kann nicht verzichtet werden? Bsp: Dampfsperre, Feuchtigkeitssperre, Flachdach mit Begrünung, Blumen?
Sie sprechen hier sehr unterschiedliche Bereiche an. Das ist nicht in einem Satz zu beantworten, lassen sie mich deshalb ein wenig dazu erklären.
Die Dampfsperre: Eine wasserdampfundurchlässige Schicht, die an der Innenseite einer raumseitigen Wärmedämmung angebracht wird, um eine Durchfeuchtung der Dämmschicht durch Diffusion mit Wasserdampf zu verhindern. Diese ersetzten wir durch den Lehmputz, er übernimmt diese Funktion.
Feuchtigkeitsspeere: Im Strohballenbau wird nur die Fundamentabdichtung mit einer Feuchtigkeitsspeere versehen. Hier verwenden wir wie alle Bitumen ("Erdpech"), das schreibt uns auch die ÖNORM so vor.
Flachdach mit oder ohne Begrünung: Dort kommen Kautschukfolien zum Einsatz, keine Kunststofffolien.

2.4. Ist eine Dampfsperre beim Bau mit Stroh überhaupt nötig oder reicht eine Dampfbremse in Form von Baupapier?
Dampfbremse: Wir brauchen kein Baupapier, wie schon vorher erklärt, übernimmt der Lehm diese Funktion.

2.5. Warum haben Sie sich auf die Verwendung von Stroh als Dämmstoff spezialisiert?
Kennen sie ein anderes Baumaterial, welches bei der Herstellung und Verarbeitung einen so kleinen Primärenergiebedarf hat? Ich nicht, deshalb Stroh als Dämm- und Baustoff. Entscheidend heute, aus meiner Sicht ist die „Graue Energie“ die wird uns allen verschwiegen. Als graue Energie wird die Energiemenge bezeichnet, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird. Würden sie ein Produkt kaufen, wenn sie immer genau wüssten, welche und wie viel Energie bei der Herstellung verbraucht wurde? Mit Sicherheit nicht. Deshalb macht uns die Industrie und die Politik unmündig, sie verschweigen uns diese wichtigen Infos. Mein Traum, besser gesagt meine Forderung wäre, bitte gebt mir als Konsument meine Mündigkeit zurück, ich möchte zu gerne wissen: Wie lange sind die Transportwege, welche Energie und wie viel Energie wurde bei der Herstellung verbraucht. Das sollte in Zukunft die Preise bestimmen, sie würden sich wundern, welche Produkte ganz schnell aus unseren Regalen verschieden würden. Auch viele Bauherren würden es sich drei Mal überlegen, ob sie ihr neues Haus mit 30 cm Polystyrol einpacken. Die Entsorgung dieser Materialien wird uns alle in Zukunft schwer belasten.
Bei den Baustoffen der Zukunft ist und wird es für uns alle immer wichtiger werden, genau zu wissen, welche Energie muss aufgewendet werden, um „meine Baumaterialien“ herzustellen. Eben um genau diese „Graue Energie“ so niedrig wie möglich zu halten. Da ist Stroh der heimliche Weltmeister. Ein Abfallprodukt aus der Landwirtschaft, regional und überall verfügbar. Noch dazu schaffen wir neue zusätzliche Arbeitsplätze und fördern die Bauern. Wir geben ihnen die Möglichkeit einer zusätzlichen Einkommensquelle. Der Bauer von nebenan als Baustofflieferant der Zukunft.

3. Welche Bauweise mit Stroh ist die kostengünstigste und oder die ökologischste?
Ökologisch und am günstigsten ist mit Sicherheit die lasttragende Bauweise, leider aber aus Platzgründen nicht überall möglich. 90cm Breite Wände sind bei manchen Grundstücken nicht machbar. Da schiebt speziell bei größeren Häusern auf kleinen Grundstücken die Bauordnung mit Recht einen Riegel vor. Hier entscheiden wir uns dann für eine Holzriegelkonstruktion und arbeiten mit Stroh als Dämmstoff.
Am Lehmputz ändert das aber nichts, der ist bei jedem unserer Häuser Standard. Heute schon leistbarer Luxus, wie sie sagen würden. Wir sehen das heute schon als Alltag an und als ganz normal, gehört einfach dazu.

4. Verwenden Sie auch Hanf, Flachs, Holzfasern ect.?
Hanf, Flachs ja, aber hauptsächlich in Flies-Form, zum Abdichten, mit Lehmschlacke. Holzfaser nein.

5. Werden Baustrohballen mit Kunststoffschnüren gebunden?
Sie verstehe es wirklich, in Wunden zu wühlen. Ja, aber wir werden nächstes Jahr Versuche starten, auch die Schnüre durch Nachwachsende Rohstoffe zu ersetzten.

6. Welches Material zur Dämmung von Zwischenwänden verwenden Sie? Strohausbauplatten?
Strohbauplatten wären und sind eine Möglichkeit. Hier stört uns aber der lange Transportweg, es gibt in Österreich leider keinen Hersteller. Die Strohbauplatten stellen schon heute eine sehr interessante Alternative zu den Rigipsplatten dar, als Zwischenwände. Die Platten kommen aber leider alle aus Deutschland. Normalerweise errichten wir die Zwischenwände in einer Holzriegelbauweise und Dämmen diese mit Stroh. Da die Zwischenwände auch mit Lehm verputz werden, haben sie auch einen sehr guten Schallschutzwert. Gleichzeitig erhalten wir durch den Lehm eine zusätzliche Speichermasse, die wieder dem Raumklima zugute kommt.

7. Worin liegen die Herausforderungen an die Elektrik und Wasserinstallation?
Eine wirkliche Herausforderung für beide Gewerke gibt es nicht. Wichtig bei der Elektroinstallation ist, dass die Brandschutzbestimmungen eingehalten werden, alle E-Leitungen dürfen nur in den Lehmputz verlegt werden. Wir machen auf jeder Baustelle eine fotographische Beweissicherung dazu. Bei der Wasserinstallation kommt, je nach Bauherrnwunsch und Ausführungsart, ein Rohr im Rohrsystem zur Anwendung. Somit ist die Sicherheit doppelt gegeben.

8. Welche Möglichkeiten der Dachdeckung bieten Sie an? Bsp: Holzschindel, Schilf, Flachdachbegrünung.
Da ist alles möglich, dicht muss das Dach sein. Meistens entscheidet aber das Baubudget über die 3 von ihnen genannten Formen. Alle 3 Ausführungen kosten einfach mehr. Alleine ein Gründach verursacht bei einem Einfamilienhaus in normaler Größe meistens einen Kostenunterschied von ca. 7.000- 10.000.- Euro. Wenn man wirklich alles dazu rechnet. Aber sonst spricht nichts dagegen, alles ist im Prinzip möglich.

9. Welche Genehmigungen sind notwendig, damit ein Baustoff zugelassen wird? Wie läuft die Genehmigung eines neuen Baustoffes ab?
Oh je. Da sprechen sie die unangenehmste Erfahrung an, die man als junges Unternehmen nur machen kann. Ersten: Sie brauchen viel Zeit/Geduld (2-3 Jahre) und noch mehr Geld, alle halten die Hand auf. Wenn sie jetzt glauben, das war es auch schon, so muss ich sie warnen. Achtung: Die Zulassungen gelten immer nur 3 Jahre, dann müssen sie von vorne starten. Sie brauchen eine Europäisch Technische Zulassung und das dauert. Alle Punkte genau anzuführen, würde - so glaube ich - den Zeitrahmen dieses Interwies sprengen. U-Wert, Brandtest, Lasttest usw. - jeder dieser einzelnen Tests ist schon in sich eine große Herausforderung und vor allem dürfen sie nicht vergessen, es geht um ein völlig neues Material - STROH. Ich wünschen allen, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, viel, viel Glück.

Aussender & weitere Infos:
www.unserstrohhaus.at

Letzte Änderung amFreitag, 13 September 2013 08:51

Kommentare   

0 #1 Nikole 2014-07-20 07:23
Vielen Dank! Wollt іch nur maal sagen.

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