Schmelzende Eismassen setzen chemischen Cocktail frei

Untersuchungen an einer antarktischen Pinguinart zeigen konstante Pestizidbelastung.

Gloucester Point, Virginia (pte/08.05.2008/16:59) - Forscher des Virginia Institute of Marine Science http://www.vims.edu haben nachgewiesen, dass das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) im Fettgewebe von Adeliepinguinen heute in den gleichen Mengen vorhanden ist, wie in den 1960er Jahren. Zu dieser Zeit war das DDT weltweit in der Landwirtschaft und Privathaushalten sowie zur Malariabekämpfung eingesetzt worden. In den meisten Industrieländern wurde die Verwendung des Insektizids aufgrund seiner gesundheitsgefährdenden Wirkung jedoch in den 1970er Jahren schrittweise eingeschränkt. Dass die antarktischen Pinguine dennoch gleich stark mit der Chemikalie belastet sind, begründen die Forscher mit dem zunehmenden Abschmelzen der Eismassen, das einen ganzen Cocktail chemischer Substanzen in die Nahrungskette entlässt.

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Insektizid DDT im Fettgewebe der Pinguine (Foto: pixelio.de)
"Das DDT bringt so ziemlich alle Folgen mit sich, die eine Chemikalie haben kann", erklärt Greenpeace-Chemiker http://www.greenpeace.at Herwig Schuster im Gespräch mit pressetext. "Bei Säugetieren wirkt es schwach giftig und greift hauptsächlich das Nervensystem an. Es kann sich aber bei Wildtieren auch auf die Fortpflanzungsfähigkeit auswirken." Außerdem könne es zu Hormonschädigungen kommen, auch chronische Effekte auf Leber und Immunsystem seien bekannt. "DDT ist sicherlich weiterhin eine der problematischsten Chemikalien weltweit, denn es kommt ja auch immer noch neues Material hinzu, während der Abbau nur sehr langsam von Statten geht", sagt Schuster. Zwar wurde die Verwendung der Chemikalie für landwirtschaftliche Zwecke seit den 1970er Jahren in den meisten Industrieländern stufenweise beendet und ist seit 2004 durch die Stockholmer Konvention generell verboten. Dennoch existieren Ausnahmeregelungen für 31 Länder zur Malariabekämpfung.

Durch das weitgehende Verbot der DDT-Nutzung betrage der weltweite Verbrauch heute nur noch zehn Prozent der Mengen, die in den 1960er Jahren verwendet wurden. Während dementsprechend auch eine Abnahme des DDT-Spiegels bei arktischen Seevögeln und Robben beobachtet werden konnte, haben Untersuchungen an den Adeliepinguinen in der Antarktis ein gegenteiliges Ergebnis gebracht. Studienleiterin Heidi Geisz und ihre Kollegen untersuchten dazu den DDT-Gehalt im Fettgewebe toter Pinguine und bei von den Elterntieren verlassenen Eiern. Diese Daten verglichen sie dann mit Werten aus der Wissenschaftsliteratur, die bis ins Jahr 1964 zurückgingen. "Wir konnten keine Abnahme des DDT im Gewebe der Pinguine feststellen", sagt Geisz. Interessanterweise konnten die Forscher aber keine Spuren von DDT oder seinen Abbauprodukten in der Luft, im Schnee, im Eis oder im Meerwasser nachweisen. Im Schmelzwasser der antarktischen Gletscher jedoch habe man DDT gefunden, sodass die Chemikalie über die Nahrungskette leicht in die Körper den Organismus der Pinguine gelangen könne.

In den 1950er und 1960er Jahren seien dem US-Forscher-Team zufolge die Eismassen der antarktischen Gletscher angeschwollen und hätten dabei das weit verbreitete DDT aufnehmen können. Im Verlauf der Jahre seien aber die Winter auf der Antarktischen Halbinsel zunehmend wärmer geworden - um rund sechs Grad in den vergangenen 30 Jahren - sodass die Gletscher jetzt schneller schmelzen als wachsen. Das Team schätzt, dass etwa ein bis vier Kilogramm DDT so pro Jahr zurück in das Ökosystem fließen.

"Wenn durch eine Abschmelzung wirklich DDT freigesetzt wird, besteht auch immer die Frage, wo es sich dann wieder absetzt und ob es sich dann auch in noch kältere Gefilde verlagert", erklärt Schuster. Erschwerend zur noch bestehenden Alt-Belastung durch DDT komme hinzu, dass der Stoff nach wie vor produziert und eingesetzt werde.

Zwar haben die ermittelten DDT-Werte keine unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen auf die Pinguine. Das DDT würde aber häufig in Zusammenhang mit anderen persistenten organischen Schadstoffen auftreten. Das mögliche Zusammenspiel dieser Chemikalien bereitet den Forscher erhebliche Sorgen. Persistente organische Schadstoffe sind schwer abbaubare, gesundheitsgefährdende Stoffe, die sich im Fettgewebe von Organismen anlagern. Sie werden bei der Anwendung von Pestiziden, der Müllverbrennung oder bei der Herstellung bestimmter Kunststoffe freigesetzt und reichern sich über den Kreislauf von Verdunstung und Kondensation an den Polen an, wo sie sich in Schnee und Eis festsetzen. Durch die kurzen Nahrungsketten in der Antarktis liefere das Schmelzwasser fast unmittelbar DDT und andere Chemikalien an Pinguine, Vögel und andere Lebewesen, so die Forscher.

Quelle: Pressetext Austria

 

Letzte Änderung amFreitag, 09 Mai 2008 14:33

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